Ein Format für Menschen, die aus derselben Beobachtung zu verschiedenen Schlüssen kommen, vertraulich oder öffentlich.
Autoren
Dr. Marc Konieczny
Vorstand der Hildegard und Hubert Johannsmann Stiftung
Thomas Voigt
Marketing & Kommunikation
Warum ein eigenes Format
Wer beruflich viel unterwegs ist, kennt den Ablauf. Ein Podium mit vier Personen, die sich im Wesentlichen einig sind. Ein Moderator, der Zeit verwaltet. Eine Fragerunde, in der zwei Teilnehmer ihre eigene Position vortragen. Danach Getränke und Gespräche, die interessanter sind als die Veranstaltung.
Solche Abende haben ihren Platz. Für das, was diese Stiftung vorhat, taugen sie nicht. Bei Demenz und beim Umgang mit schwierigen Persönlichkeiten an der Spitze von Organisationen gibt es keine Position, die man verkünden könnte. Es gibt Erfahrungen, die weit auseinanderliegen, und es gibt Menschen, die aus derselben Beobachtung zu verschiedenen Schlüssen kommen.
Deshalb haben wir ein eigenes Format entwickelt. Wir nennen es „Echte Gespräche“. Es hat bisher nicht stattgefunden; wir beschreiben hier, wie es gedacht ist, und rechnen damit, dass die ersten Runden uns eines Besseren belehren.
Die Regeln
Klein. Wir laden ein, statt Anmeldungen zu sammeln, und wir bleiben in einer Größe, in der jeder zu Wort kommt, also acht bis zwölf Teilnehmer. Kleiner wird es zu intim, größer entsteht wieder ein Publikum.
Verschieden besetzt. An einem Tisch sitzen Menschen, die auf dieselbe Sache aus unterschiedlichen Positionen schauen: der Angehörige und der Arzt, die Pflegekraft und der Arbeitgeber, der Aufsichtsrat und der, der gekündigt hat. Einigkeit ist kein Ziel. Wir wollen verstehen, weshalb ein anderer Mensch mit derselben Beobachtung anders umgeht.
Mindestens zwei Generationen. Dieser Anspruch gilt ohne Ausnahme. Eine Runde erfahrener Menschen, die über die Jüngeren spricht, wäre uns zu wenig, und die Jüngeren sind es, die diese Themen tragen werden.
Zwei Varianten. Es wird geschlossene und öffentliche Runden geben. Die geschlossene Runde ist vertraulich: kein Publikum, keine Presse, keine Aufzeichnung. Was gesagt wird, bleibt im Raum und wird später niemandem zugeordnet. Diese Bedingung ist keine Dekoration, sondern der Grund, warum solche Gespräche etwas ergeben, denn wer weiß, dass nichts zitiert wird, sagt andere Dinge.
Daneben wird es Gespräche geben, die wir öffentlich führen, aufzeichnen und übertragen. Sie haben einen anderen Charakter, und das ist beabsichtigt. Wer vor einer Kamera spricht, formuliert vorsichtiger und erreicht dafür Menschen, die nie in unseren Räumen sitzen werden. Beides hat seinen Wert, und wir wollen nicht auf eines davon verzichten.
Welche Variante gilt, entscheidet das Thema und nicht unser Wunsch nach Sichtbarkeit. Über den Umgang mit einem übergriffigen Vorgesetzten spricht niemand öffentlich, der noch dort arbeitet. Über die Frage, was ein Arbeitgeber für pflegende Mitarbeiter tun kann, lässt sich sehr wohl öffentlich reden, und es wäre schade, darauf zu verzichten. Wir sagen vor jeder Runde, welche Variante gilt, und wir wechseln sie nachträglich nicht.
Ohne Bühne. Die Stiftung tritt als Gastgeberin auf und nicht als Referentin. Wir moderieren derzeit selbst, würden diese Aufgabe aber gern an jemanden abgeben, der es besser kann.
Was die geschlossene Variante kostet, und was sie einbringt
Vertraulichkeit hat einen Preis, und er fällt dort an, wo eine junge Stiftung empfindlich ist. Von einer geschlossenen Runde gibt es keine Fotos, keine Zitate, keine Namen und keinen Bericht am nächsten Tag.
Dafür bekommen wir Zugang. Menschen, die auf kein Podium gehen würden, setzen sich an einen solchen Tisch: ein Geschäftsführer, der mit einem Mitgesellschafter nicht mehr zurechtkommt, eine Tochter, die ihre Mutter pflegt und nicht mehr kann, ein Aufsichtsrat, der eine Entscheidung bereut. Öffentlich vertritt jeder von ihnen eine Position. Im geschlossenen Kreis beschreiben sie ihr Problem, und erst daraus lässt sich etwas gewinnen, das anderen weiterhilft.
Sichtbarkeit lässt sich mit Geduld und Geld herstellen. Zutrauen nicht. Deshalb halten wir es so, auch wenn es die unbequemere Variante ist. Ein Format, das Vertraulichkeit verspricht und hinterher doch ein Foto veröffentlicht, ist beim zweiten Mal nichts mehr wert.
Die öffentlichen Runden sind dafür kein Ausgleich, sondern etwas anderes. Wir werden nicht dieselbe Runde zweimal veranstalten, einmal ehrlich und einmal für die Kamera.
Die Orte
Unterschiedliche Orte stehen bereit. Dazu zählt auch Schloss Wildenberg bei Olsberg im Sauerland, das uns ein Unternehmer zur Verfügung stellt, der der Stiftung gewogen ist.
Solche Orte haben eine eigene Atmosphäre, die man beim Betreten bemerkt. Wer über schwierige Dinge sprechen soll, tut das in einem Konferenzraum am Flughafen anders als an einem Ort, der eine Geschichte hat. Weitere Orte werden dazukommen, sobald wir wissen, welche Gespräche wohin gehören.
Wie Erkenntnis nach außen kommt
Ein vertrauliches Gespräch, aus dem nichts folgt, ist ein guter Abend und sonst nichts. Die Stiftung will Wirkung, und deshalb liegt die schwierigere Arbeit hinter der Veranstaltung.
Wir werden aufschreiben, was sich aus einem Gespräch allgemein sagen lässt: Muster, Unterscheidungen, Fragen, an denen andere weiterarbeiten können. Ohne Namen, ohne Fälle, ohne die Anekdote, die den Text erst unterhaltsam machen würde. Jeder Teilnehmer sieht das Papier, bevor es veröffentlicht wird, und kann widersprechen.
Zunächst werden das Thesenpapiere sein. Dazu kommen die öffentlichen Runden und Gesprächsformate zum Hören, und mittelfristig wollen wir die Ergebnisse eines Jahres gesammelt herausgeben. Was in diesen Papieren steht, ist weniger unterhaltsam als das, was im Raum gesagt wurde. Es ist der Teil, der sich weitergeben lässt.

Was es nicht ist
Kein Netzwerkclub. Wer kommt, um Kontakte zu machen, wird sich langweilen. Keine Geschäftsanbahnung; die Vorstände arbeiten hier im Ehrenamt und nicht in eigener Sache. Zu den geschlossenen Runden kann man sich nicht anmelden; für die öffentlichen Formate sagen wir rechtzeitig, wie man dabei sein kann.
Wer eingeladen wird
Wir laden Menschen ein, die zu einem unserer Themenfelder etwas beitragen können, aus eigener Erfahrung oder aus fachlicher Arbeit. Auf viele davon werden wir selbst zugehen. Manche werden wir nicht finden, ohne dass sie sich melden.
Wenn Sie glauben, an einen solchen Tisch zu gehören, schreiben Sie uns und sagen Sie, warum. Wir antworten.
